Berlin-Charlottenburg (H3)

Notunterkunft für 300 Personen

Inmitten der Villenkolonie Westend in Charlottenburg-Wilmersdorf liegt die Erstaufnahmeeinrichtung für geflüchtete Menschen. Bereits ab dem März des Jahres 2015 wird das Hauptgebäude (Haus 3) der kurz zuvor nach Steglitz umgezogenen ehemaligen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité als Notunterkunft zur Unterbringung für asylsuchende Menschen genutzt. Später wurde das Wohnheim um ein Bettenhaus erweitert. Somit werden vom Klinikareal, welches neun Gebäude umfasst, zwei Häuser zur Unterbringung für Geflüchtete genutzt. Zusammen bieten diese Häuser 400 Menschen, die vorwiegend aus den Kriegsgebieten Syriens, Iraks, Afghanistans und anderen Ländern geflohen sind, eine sichere Bleibe. 

Die Gebäude besitzen verschieden große Zimmer, in denen Familien oder Einzelpersonen untergebracht sind. Diese teilen sich mehrere gemeinschaftliche Bäder und Küchen. Das Hauptgebäude bietet eine Empfangshalle und auf jedem seiner Stockwerke großzügige Gemeinschaftsräume, in denen kostenloses WLAN für die Bewohner*innen bereitsteht. Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes befindet sich der Bürotrakt, der neben der Einrichtungsleitung und Verwaltung einen Sozialdienst für die untergebrachten Menschen bereithält. Er bietet den Bewohner*innen Beratung und Unterstützung hinsichtlich ihrer Integration in folgenden Bereichen:

•    Gesundheit und frühe Hilfen,
•    Rechtsberatung und Hilfe mit der Bewältigung bürokratischer Angelegenheiten, wie z.B.: Asylverfahren, Kontoeröffnung, Krankenversicherung, Jobcenter, Kindergeld, Schulden, Studium etc.,
•    Erwachsenenbildung und Arbeitsaufnahme,
•    Kita für Vorschulkinder und Schule für Minderjährige und junge Erwachsene,
•    Vermittlung in Integrations- und Deutschkurse,
•    Vermittlung von ehrenamtlichen Hilfen und Angeboten, Projekten, Vereinen etc.

Außerdem gibt es einen gut ausgestatteten Bereich zur Kinderbetreuung, den Kinderklub, in dem zwei Kinderbetreuerinnen sowohl Kinder ab drei Jahre ohne regulärem Kitaplatz als auch nachmittags kleinere Schulkinder beaufsichtigen. Für die ehrenamtlich geleiteten Deutschkurse und Schülernachhilfen stehen vier kleine Schulungsräume zur Verfügung, für Beratung und als Treffpunkte wurden eine Bibliothek und ein Frauenraum eingerichtet. Ebenso halten wir Räume für andere ehrenamtlich geführte AGs vor, wie bspw. für die Kleiderkammer oder die Nähstube. Im 3. Stock befindet sich eine Turnhalle für sportliche Betätigungen und im 2. Stock eine Terrasse zum Beieinandersitzen.

Als am 15. März 2015 der Startschuss für den Betrieb der Notunterkunft im Westend fiel, gingen dem eine Menge bemerkenswerter Dinge voran. Bezirkspolitik, Anwohnerschaft und Flüchtlingsinitiativen sprachen sich nicht nur für die geplante Flüchtlingsunterkunft aus, sondern forderten die Landespolitik auf, weitere leer stehende Gebäude des Bezirks zu nutzen, um die schlechten Verhältnisse der Unterbringung von Geflüchteten in den Turnhallen zu entschärfen. Die Willkommenskultur und der humanitäre Anspruch der Nachbarschaft, die Geflüchteten auch im Viertel zu integrieren, zeigten sich dabei vollends, als den Einwänden einiger weniger Nachbarn gegen die Eröffnung der „Esche“ nahezu geschlossen begegnet wurde. In den Diskussions- und Informationsveranstaltungen zwischen Politik und der interessierten Nachbarschaft des Westends zeichnete sich große Zustimmung und Solidarität mit den Geflüchteten ab.

Dass es sich hierbei nicht um Lippenbekenntnisse handelte, wurde bei der Eröffnung der Unterkunft deutlich. Nicht nur ein unheimlich großes Spendenaufkommen war zu verzeichnen, sondern viele Nachbarn und Engagierte wollten sich ehrenamtlich einbringen. Von diesem großen Engagement profitieren die Geflüchteten noch heute, denn es hat langfristigen Bestand. Auch über anderthalb Jahre nach der Eröffnung gibt es etwa 150 ehrenamtliche Helfer*innen, die uns regelmäßig oder spontan zur Seite stehen. Große Unterstützerin und Freundin der „Esche“, wie die Notunterkunft auch genannt wird, ist die Charlottenburger Flüchtlingsinitiative Willkommen im Westend, aus der sich viele Ehrenamtliche engagieren. Außerdem existiert eine große Hilfsbereitschaft von Freiwilligen anderer Initiativen, wie Klausenerplatz, Multitude, Charlottenburg hilft, der evangelischen Kirchengemeinde Neu-Westend, der Friedensgemeinde und von vielen anderen.

Als Wohnheimbetreiberin stellen wir die gesetzlich garantierten Leistungen für Asylbewerber und Flüchtlinge zur Verfügung, z.B. durch den Wohnraum, die Versorgung mit Nahrung und Hygienemitteln, die Betreuung durch Sozialdienst oder Sicherheit. Das Ehrenamt kann darüber hinaus eine Vielzahl von integrativen Angeboten und handfesten Hilfen bieten. Unser Team vor Ort hat zusammen mit Unterstützer*innen viele Projekte angestoßen und etabliert, von denen zumindest einige aufgezählt werden sollen:

Gleich nach Inbetriebnahme der Notunterkunft bildete sich ein großes und hoch motiviertes Team aus Ehrenamtlichen, um eine Kleiderkammer ins Leben zu rufen. Dieses Team stellt bis heute einen Teil seiner Freizeit zur Verfügung, um gespendete Kleidung zu sammeln, zu ordnen und an Geflüchtete auszugeben. In den Räumen der „Esche“ wurden zunächst die wohnheimsinterne Kleiderkammer und die zentrale Annahmestelle für Kleiderspenden aus dem gesamten Bezirk zusammen betrieben. Das große Spendenaufkommen und der begrenzte Platz machten jedoch eine räumliche Trennung dieser Funktionen notwendig. Der Ruf der Ehrenamtlichen wurde erhört, die Bezirkspolitik reagierte prompt und unkompliziert. In der Akazienallee wurden Kellerräume für die zentrale Kleiderkammer von Charlottenburg zur Verfügung gestellt.

Gleich neben der internen Kleiderkammer befindet sich die Nähstube, hier leiten mehrere ehrenamtlich tätige Frauen ein wöchentlich stattfindendes Get-Together mit geflüchteten Frauen, nicht nur, um gemeinsam zu nähen und zu stricken, sondern auch um sich besser kennenzulernen. Es bildete sich eine Arbeitsgemeinschaft aus Ehrenamtlichen, die sich auf die Fahnen schrieb, geflüchtete Kinder und Erwachsene durch den raschen Erwerb der deutschen Sprache zu unterstützen. Dabei werden von Montag bis Donnerstag jeden Morgen Deutschkurse für Kinder im Vorschulalter und für solche, die noch keinen Schulplatz haben, angeboten. Für die Erwachsenen gibt es an den gleichen Wochentagen jeweils vormittags und abends Kurse zur Alphabetisierung, für Deutsch-Anfänger*innen und Fortgeschrittene. Diese Arbeitsgemeinschaft besteht aus knapp 30 Mitgliedern, die ihre Kurse und Einsätze in den Schulungsräumen der „Esche“ selbst organisieren und dabei großartige und vor allem langfristige Hilfe für die Geflüchteten leisten.

Aber nicht nur die regelmäßigen AGs sind von großer Hilfe, sondern auch die vielen Freiwilligen, die spontan helfen können. So gibt es große Unterstützung bei den vielen Ausflügen und Veranstaltungen des hausinternen Kinderklubs, besonders im Ferienprogramm, bei Begegnungsfesten, Kochkursen, Stadtführungen, Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen. Auch in der Rechtsberatung gibt es ein freiwilliges und unentgeltliches Angebot: Eine Anwältin berät einmal im Monat zu Rechtsfragen. Des Weiteren gibt es Sport- und Yogakurse für Frauen, die Ehrenamtliche in unserer Turnhalle anbieten, Tandems, Hilfe bei Behördengängen oder Unterstützung bei der Wohnungssuche, die den Geflüchteten den Start in ihr neues Leben sehr erleichtern.

Neben den Flüchtlingsinitiativen und den vielen Ehrenamtlichen bringen sich die Bezirkspolitik, die Nachbarschaft, kirchliche Institutionen, Vereine und verschiedene Träger und Projektpartner ein, die sich im Westend für eine gelungene Integration einsetzen und eng mit der Einrichtung zusammenarbeiten. Ein wichtiger Eckpunkt bei der Beratung der Geflüchteten, und insbesondere der Übersetzung vieler Angelegenheiten, sind die Integrationslotsen, die jeden Mittwochvormittag für großen Andrang sorgen. Das Programm der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen hat sich - das kann aus den positiven Erfahrungen geschlossen werden - als konkret umgesetztes Instrument der Integration bewährt.

Die evangelische Kirchengemeinde Neu-Westend ist ein sehr wichtiger Partner der Esche. Sie bündelt die vielen freiwilligen Kräfte und Initiativen und hilft in allen Lebenslagen, so nimmt sie die Geldspenden für Projekte, Feste o.a. entgegen. Der Familiensonntag ist schon seit geraumer Zeit fest etabliert, er bringt Familien des Wohnheims mit Mitgliedern der Gemeinde in Kontakt, indem der Sonntag für gemeinsame Ausflüge und Freizeitaktivitäten genutzt wird. Ebenso können wir auf die Hilfe und Unterstützung der Friedensgemeinde und der St. Georg’s Church zählen, der anglikanischen Kirchengemeinde Neu-Westends, die Sach- und Geldspenden bereitstellen oder Ausflüge zu Konzerten und Veranstaltungen organisieren.

Ebenso eng kooperiert die Esche mit dem Pestalozzi-Fröbel-Haus, welches das Familienzentrum für das Gebiet um die Kastanienallee betreibt. Für die Zukunft wird hier eine intensivierte Zusammenarbeit besonders für die Bereiche Eltern-Kind, Sport- und Musikpädagogik geplant. Zum Haus der Familie gibt es ebenfalls gute Kontakte, viele Bewohner der „Esche" nutzen die zahlreichen Hilfsangebote, Kurse, Veranstaltungen und das wöchentliche „Café Krümel“ dieser Einrichtung. Das Institut für Kulturanalyse wiederum arbeitet an einer kultursensiblen Vermittlung von Institutionen und Werten. Außerdem forscht es zu Männer- und Frauengruppen aus den Herkunftsländern. Die Initativen angehört und wir machen das kommen mehrmals im Jahr in die Unterkunft. Sie informieren Geflüchtete in ihrer Muttersprache über den Asylprozess in Deutschland und klären sie über ihre Rechte auf. Die Platane19 in unmittelbarer Nachbarschaft bietet psychologische Unterstützung für Eltern und Kinder, die aus den Kriegsgebieten kommen. Die Esche arbeitet zudem eng mit der Erziehungs- und Familienberatung der Caritas in Wilmersdorf zusammen. Familien können bei Bedarf psychologische Beratung und Unterstützung direkt im Wohnheim erhalten.   

Die Esche ist auch offen für kurzfristige Projekte, die in der Vergangenheit sehr schöne Ergebnisse brachten. Die Initiative give something back to berlin setzte mit den Kindern und Jugendlichen der Einrichtung ein Projekt zur Verschönerung des Aufenthaltsraumes im ersten Stockwerk um: Zusammen gestalteten sie eine ca. 20m² große Wand mit Malereien. Der Mädchen- und Frauenladen für interkulturelle Sozialarbeit Lisa e.V. realisierte ein Graffiti-Projekt für Mädchen, an dem auch viele aus unserem Haus „Esche“ teilnahmen. Von Seiten der Staatsoper besucht uns eine Musikpädagogin, die auf spielerisch-musikalische Weise die Deutschkenntnisse der Kinder verbessert. Zum RBB besteht eine freundschaftliche Verbindung. Die Sendeanstalt ermöglicht den Kindern Rundführungen beim Sender am Theodor-Heuss-Platz und lädt die Bewohner zu ihrem Chor und ihren Chorveranstaltungen ein. Mit dem Berggruen-Gymnasium existiert ein reger Austausch: So konnte ein Kinderbuch entstehen, bei dem internationale Kinderlieder veröffentlicht wurden. Das Ergebnis war großartig, jedes Kind bekam ein solches Buch geschenkt. Der Kontakt zur „Esche“ motivierte Schüler des Gymnasiums, sich ebenfalls zu engagieren: Im Rahmen eines Sportprojektes geben sie für die Kleinen Sportunterricht, Bastel- und Theaterstunden.

Zu vielen Vereinen der Umgebung besteht eine sehr enge und freundschaftliche Beziehung. Besonders hervorzuheben sind dabei der Fußballverein Oranje e.V. und der Berliner Rugby Club. Der Fußballclub Oranje zeigte sich bereits kurz nach der Eröffnung sehr aufgeschlossen, Kinder und Jugendliche bei sich aufzunehmen, zu trainieren und ihnen somit über den Sport Anschluss zu ihren deutschen Altersgenossen zu ermöglichen. Unzählige Kinder und Jugendliche fanden so einen Verein, in dem sie ihrer Leidenschaft nachgehen konnten und zugleich neue Freunde fanden. Der BRC entsendet Trainer in die Unterkunft, um bei den Kindern und Jugendlichen vor Ort die Leidenschaft für den Sport zu wecken. Es hat geholfen: zahlreiche Kinder sind inzwischen Mitglied des Vereins geworden.

Zum Abschluss noch ein kurzer Ausblick auf Zukünftiges: Die Flüchtlingsinitiative „Willkommen im Westend“ hat einen Verein namens Interkulturanstalten e.V. gegründet, der sich nach über zwei Jahren Verhandlung mit der Stadt anschickt, die Villa 35 direkt neben der „Esche“ für eine gemeinnützige Nutzung anzumieten. Wenn das Vorhaben zur Etablierung einer interkulturellen Begegnungsstätte, die das Nützliche mit dem Schönen verbinden soll, endgültig gelingt, werden auch wir uns einbringen können, z.B. indem Geflüchtete im angedachten Begegnungscafé arbeiten oder es für gemeinsame Nachmittage nutzen können. Ebenso werden sie die vielen Möglichkeiten von Angeboten für die Arbeitsmarktintegration über Wohnungssuche, soziale Hilfen, Veranstaltungen etc. wahrnehmen können. Wenn auch Sie sich ehrenamtlich engagieren wollen, wenden Sie sich bitte an unsere Netzwerk- und Ehrenamtskoordination.